Ein deutscher Böhme in Ost-Württemberg, ein Intellektueller in der Kleinstadt, ein Homosexueller zu Geltungszeiten des berüchtigten § 175 in der Provinz: Josef Mühlberger, 1903 als Sohn eines deutschen Vaters und einer tschechischen Mutter in Trautenau (heute Trutnov) geboren, kam 1946 mit anderen Deutschen, die die Tschechoslowakei hatten verlassen müssen, am Rand der Schwäbischen Alb an. Er empfand es als »Vertreibung in ein Paradies«. Während der NS-Zeit hatte er die Publikationsmöglichkeit verloren und war wegen Unzucht inhaftiert worden. Hinter ihm lagen Kriegsdienst und amerikanische Gefangenschaft. In Distanz zu den unversöhnlichen Kreisen der Vertriebenenverbände, die von seiner Sehnsucht nach Ausgleich befremdet waren, fand er sich in seiner neuen Heimat nicht bereit, »dem Chauvinismus, welcher Einfärbung auch immer, nachzugeben« (Härtling). Stattdessen blieb es Mühlberger, dessen 1934 erschienene Erzählung ›Die Knaben und der Fluß‹ Hermann Hesse hoch gelobt hatte, u.a. als Verfasser einer ›Tschechischen Literaturgeschichte‹ (1970) ein Anliegen, Deutsche und Tschechen einander näherzubringen. In der württembergischen Fremde versuchte der Schriftsteller, Übersetzer, Literaturwissenschaftler und Journalist anzukommen, indem er sich deren Geschichte zu eigen machte. Befreundet mit Max Brod und geschätzt von Siegfried Unseld, stand Mühlberger mit seinem verhaltenen Pathos und seinem Hang zum Belehrenden den ästhetischen Experimenten seiner Zeitgenossen fern und blieb im westdeutschen Literaturbetrieb eine Randfigur. Nirgends daheim, wurde die Frage, was Heimat und was Fremde sei, zu Mühlbergers Lebensfrage.
In den SPUREN stellt die Schriftstellerin Tina Stroheker eine exemplarische Biografie des 20. Jahrhunderts vor, in der die Spannung zwischen Entwurzelung und Beheimatung zu Literatur wurde. Das Heft zeigt auch einen Brief Paul Celans, der Mühlberger im Kontext der Goll-Affäre zur Parteinahme verpflichten wollte.
»Nach der weißen Rose«. Christine Ivanovic: Ilse Aichinger in Ulm
Ilse Aichinger, die im letzten Jahr ihren 90. Geburtstag feiern konnte, erfuhr im Frühjahr 1943 in Wien von der Hinrichtung der ›Weißen Rose‹. Das Wissen um den Widerstand gegen Hitler – so berichtete die österreichische Autorin drei Jahrzehnte nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus in einer Ansprache in Ulm –, gab Hoffnung und Kraft, die Zeit der Verfolgung und Vernichtung zu überstehen. Ihr Roman ›Die größere Hoffnung‹ (1948), der diese Situation verarbeitet, hatte in der Donaustadt schon bald nach seinem Erscheinen die Aufmerksamkeit von Inge Scholl erregt. Die ältere Schwester von Hans und Sophie Scholl, die zur selben Zeit mit der Volkshochschule Ulm eine völlig neuartige Bildungsarbeit »im Geiste der Gemordeten« aufzubauen begann, lud Aichinger Anfang 1950 zu einer Lesung hierher ein. Sie freundeten sich an, und Aichinger arbeitete schon wenig später für einige Monate als Sekretärin Scholls. Im engagierten Kreis um Inge Scholl lernte Ilse Aichinger auch Hans Werner Richter kennen, der sie zur Gruppe 47 einlud.
Im neuen, reich bebilderten Heft der bibliophilen Marbacher Reihe SPUREN zeigt die Germanistin Christine Ivanovic, wie ›Nach der Weißen Rose‹ für Ilse Aichinger zur Sigle eines engagierten Schreibens nach Auschwitz wurde und Ulm zu einer ihren wichtigen biografischen Stationen – und zwar vor dem Hintergrund der Replatzierung der Moderne in Deutschland. Denn aus der Bildungsidee der Volkshochschule Ulm ging just in jenen Jahren, initiiert durch Scholl, ihren späteren Mann Otl Aicher, Max Bill und andere, die ›Hochschule für Gestaltung‹ hervor, die als international bedeutendste Design-Hochschule nach dem Bauhaus gilt.
Im Dezember 1948 übersiedelte Ernst Jünger vom niedersächsischen Kirchhorst ins oberschwäbische Ravensburg: aus der englischen Besatzungszone, wo er sich einem Publikationsverbot ausgesetzt sah, in die weit liberalere französische. In Ravensburg, das vom Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont geblieben war, intensivierte Jünger seine Kontakte zu Freunden, Kollegen und Verlegern. Unter dem Titel ›Strahlungen‹ veröffentlichte er von Ravensburg aus die Tagebücher der Jahre 1941 bis 1945. Zudem vollendete er dort seinen Roman ›Heliopolis – Rückblick auf eine Stadt‹. Während Jünger mit ›Strahlungen‹ einen publizistischen Erfolg hatte, war die öffentliche Resonanz auf den utopischen Roman verhalten; im privaten Kreis wurde ›Heliopolis‹ sogar heftig kritisiert. ›Heliopolis‹ blieb auf Jahre Jüngers letzter Versuch eines Romans. Mit umso größerer Entschiedenheit wandte er sich von da an dem Tagebuch und der Essayistik zu. Noch in anderer Hinsicht markierten die Ravensburger Jahre eine signifikante Veränderung: Erstmals beschäftigte Jünger einen Sekretär. Im September 1949 übernahm Armin Mohler, der die damaligen Begebenheiten in seinem ›Ravensburger Tagebuch‹ detailliert festhielt, diese Aufgabe.
Der Ravensburger Kulturamtsleiter und Literaturwissenschaftler Franz Schwarzbauer erhellt die Ravensburger Jahre Ernst Jüngers und erläutert, warum sie mehr als ein bloßes Atemholen waren. Sie können vielmehr als eine Art Wegscheide in Leben und Werk Jüngers gelten. Damals bereitete er jene repräsentative Lebensform vor, die er dann in Wilflingen kultivierte, in das er im Juli 1950 von Ravensburg aus umgezogen war.
Der Belchen, der eindrucksvollste aller Gipfel im Schwarzwald, ist in der Literaturgeschichte mehr als nur ein Nebenschauplatz. Diesen Berg hat Johann Peter Hebel im Jahr 1791 bestiegen, etliche Jahre bevor das Gebirgswandern sozial legitimiert und populär wurde. Die intensive Begegnung mit der unberührten Natur (mit Panoramablick von Straßburg bis zum Mont Blanc) verband sich für Hebel und den ihn begleitenden Friedrich Wilhelm Hitzig mit der ungewohnten leiblichen Extremerfahrung zu einem rauschhaften, quasireligiösen Erlebnis, das bei den beiden Freunden Zeit ihres Lebens weitergewirkt hat. Den Belchen wählte sich auch der von Hebel und Hitzig mitgegründete Proteuserbund zum „Altar“, der im Freundeskult der Zeit zwischen Göttinger Hain und Jenaer Frühromantikern angesiedelt war, sich aus Versatzstücken antiker Philosophie eine launische Weltanschauung mit einer Buchstaben verdrehenden Scherz- und Geheimsprache gab und die engstirnigen Bürger als „Schwabenhammel“ verspottete. Literarisch schlug sich die „Belchenwallfahrt“ in Hebels allerersten Versen, dem Hymnus Ekstase, nieder; insbesondere aber in seinem großen apokalyptischen Mundartgedicht ›Die Vergänglichkeit‹, einem in der deutschen Literaturgeschichte einzigartigen Gespräch über die letzten Dinge. Der Berg wird darin zum verbliebenen Orientierungspunkt nach dem Weltenbrand, und das Gespräch mit einem stets präsenten Freund spendet Trost im Angesicht der unabänderlichen Zerstörung alles Seienden. Letzthin reicht die auf dem Belchen in einer Übertretung sozialer und leiblicher Konventionen besiegelte Freundschaft sogar bis in den literarischen Kanon. Denn auch der von Hebel erfundene ›Rheinische Hausfreund‹, der seine Kalendergeschichten so erfolgreich machte, hat hier einen seiner Ursprünge.
Im neuen, reich bebilderten Heft der Marbacher SPUREN stellt Thomas Schmidt, Herausgeber der bibliophilen Reihe und im Hebeljahr 2010 für die Neukonzeption des Hebelhauses in Südbaden zuständig, den Belchen als Hebels Berg vor: als einen Berg der Vergänglichkeit und einen Berg der Freundschaft.
Ob Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, der Verfasser des ›Simplicissimus Teutsch‹ von 1668, jemals persönlich am Mummelsee war, wissen wir nicht. Sicher ist aber, dass er den damals schwer zugänglichen See im Hochschwarzwald zu einem besonderen Ort der Literatur gemacht hat. Denn der Barockdichter lässt seinen Romanhelden so anschaulich und lebendig von seiner Mummelsee-Expedition erzählen, dass sich spätere Sagensammler wie die Brüder Grimm immer wieder auf den ›Simplicissimus‹ bezogen haben.
So genau die Mummelsee-Darstellung im ›Simplicissimus‹-Roman persönliches Erleben widerzuspiegeln scheint, so deutlich zeugt sie zugleich von den Erkundungen des Dichters in den Textwelten der barocken Naturkunde. Der Vergleich mit großen Kompendien der Zeit, wie sie die Jesuiten Caspar Schott und Athanasius Kircher vorgelegt haben, offenbart nämlich erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen dem vermeintlich ungebildeten Grimmelshausen und den Buchgelehrten seiner Epoche. Ja, der Romandichter überbietet die wissenschaftlichen Berichte der Zeitgenossen sogar noch. Denn sein Held lässt sich von den Wundern des Mummelsees – wie angedroht, lösen Steinwürfe ins Wasser prompt ein Gewitter aus – nicht schrecken, sondern geht der Sache buchstäblich auf den Grund. Unversehens wird er von den Bewohnern des Mummelsees in deren Unterwasserreich entrückt. Dort gelangt er zu tiefen Einsichten in die Schöpfungsordnung und lernt im Erdinneren ein utopisches Friedensreich kennen. Allerdings kann der Held die im Mummelsee gewonnenen Erkenntnisse an der Erdoberfläche nicht anwenden, sondern verschwendet einen mitgebrachten Wunderstein am falschen Ort.
Der Freiburger Germanist und Grimmelshausen-Kenner Dieter Martin klärt in den SPUREN 89 über die Hintergründe und Zusammenhänge von Simplicissimus’ Mummelsee-Abenteuer auf. Die Mummelsee-Episode, deren Nachwirkung bis in die Romantik skizziert wird, liest er als skeptische Reflexion des Barockdichters über den Menschen und seine wissenschaftliche Neugier.
Im März 1809 bezog die aus Riga stammende Schriftstellerin Juliane von Krüdener das Hofgut Katharinenplaisir bei Cleebronn. In ländlicher Abgeschiedenheit wollte sie sich – einen frommen Lebensstil führend – dem Schreiben widmen. Die baltische Baronin stand kurz vor dem Abschluss ihres Romans ›Othilde‹. Mit ihrem 1803 erschienenen Briefroman ›Valérie‹ war die Krüdener zu einer Erfolgsschriftstellerin avanciert, die mit bedeutenden Persönlichkeiten der literarischen Welt in Verbindung stand. In Paris betrieb sie einen literarischen Salon, korrespondierte und verkehrte auch mit Jean Paul, Madame de Staël, Dorothea Schlegel und Sophie La Roche. Doch pflegte sie auch eigenwillige Freundschaften wie die zu der selbsterklärten Prophetin Maria Gottliebin Kummer. Obwohl diese ehemalige Gefängnisinsassin von vielen als Heuchlerin und Betrügerin angeklagt wurde, schenkte ihr die Baronin das vollste Vertrauen. Als die Kummerin in einer Vision das Königreich Württemberg als Sammelplatz aller Gläubigen zu erschauen meinte, zögerte Juliane von Krüdener nicht lange und erkor das Katharinenplaisir bei Cleebronn zu ihrem neuen Domizil, wo die skandalumwitterte Vergangenheit der Kummerin die kleine Gesellschaft jedoch bald einholen und ihrem Aufenthalt auf dem Hofgut ein jähes Ende bereiten sollte.
Die Historikerin Isolde Döbele-Carlesso wirft in diesem SPUREN-Heft ein Schlaglicht auf die Geschichte weiblichen Schreibens um 1800, stellt die heute weitgehend vergessene Juliane von Krüdener vor und geht den Ereignissen auf dem Katharinenplaisir nach, die schließlich dazu führten, dass die Baronin ihre schriftstellerische Karriere aufgab und sich ganz der Religion zuwandte.
Fast wäre Hermann Lenz in Künzelsau geboren worden. Im Sommer 1912 waren seine Eltern, der Zeichenlehrer Hermann Friedrich Lenz und seine schwangere Frau Elise ins Hohenlohische gezogen, doch vorsorglich hatte Vater Lenz für seine Frau einen Platz in der Württembergischen Hebammenschule in Stuttgart reserviert. In der Residenz kam Hermann Karl Lenz am 26. Februar 1913 zur Welt; wenige Tage später kehrte der Säugling mit seiner Mutter in die Künzelsauer Provinz zurück. Elf Jahre lebten die Lenzens dort in einem – erhalten gebliebenen – Haus in der Keltergasse; elf Jahre, in denen Lenz Erfahrungen machte, die sich in seinem Werk auf vielfältige Weise spiegeln. Immer wieder befasste sich Lenz, der 1978 den Büchnerpreis erhielt, mit seiner Künzelsauer Jugendzeit, vor allem in seinem autobiografischen Eugen-Rapp-Romanzyklus, dessen erster Teil ›Verlassene Zimmer‹ vornehmlich im Hohenlohischen spielt. Aber auch in anderen Büchern – im Roman ›Zwei Frauen‹ und im Fotoband ›Im Hohenloher Land‹ – werden Erinnerungen an Künzelsauer Gassen und Gärten wach, zeigt sich, welche Bedeutung manchen der Nachbarn und Lehrer zukam, die Hermann Lenz’ Jugend prägten. In allen Lebensjahrzehnten besuchte Lenz, meist zusammen mit seiner Frau Hanne, Künzelsau. Manchmal erschien ihm die Stadt dann, »als ob sich nichts verändert habe«, ein andermal, »als habe sich die Kindheit verflüchtigt«.
Der Literaturkritiker und Leiter des Hamburger Literaturhauses Rainer Moritz zeichnet in den SPUREN nach, warum der im Alter hochgeehrte Schriftsteller Lenz, der lange Zeit im Literaturbetrieb der Bundesrepublik wenig Beachtung fand, die Zeit in Künzelsau nicht losließ und wie sie unterschwellig seine Poetik beeinflusste.
In den Jahren 1909/10 war Stefan George mehrfach auf Stift Neuburg zu Besuch, einem ehemaligen Kloster bei Heidelberg, das der Dichter und Alchimist Alexander von Bernus kurz zuvor geerbt hatte. Mit George weilten gemeinsame Freunde wie Karl Wolfskehl, Melchior Lechter, der junge Komponist Wilhelm Petersen und die Zeichner Karl Thylmann und Rolf von Hoerschelmann auf dem Stift.
In Anknüpfung an den Schwabinger Okkultismus und inspiriert von der besonderen ‚mystischen Luft’ des Stifts führten die Anwesenden allerlei spiritistische Experimente durch und fahndeten auch nach einem ominösen Schatz. Ein letzter Höhepunkt des geselligen Zusammenseins war das so genannte Kometenfest anlässlich der Annäherung des Halleyschen Kometen an die Erde im Mai 1910. Der Stiftsherr Alexander von Bernus verfasste eigens das Mysterienspiel ›Melaina‹, das von den Gästen zur Aufführung gebracht wurde und mit der Prophetie einer Welterneuerung endet. Zugleich aber legte sich über die Teilnehmer die Ahnung, den letzten Abendschein einer untergehenden Epoche zu genießen; und die immer wieder aufbrechenden Konflikte zwischen dem Führungsanspruch Georges und dem auf sein Selbstbestimmungsrecht pochenden Alexander von Bernus gefährdeten unausgesetzt die Harmonie dieses scheinbar zeitenthobenen Lebens im Zeichen von Kunst, Muße und Mystik.
In der Marbacher Reihe SPUREN, die mit diesem Heft in gestalterisch aufgefrischter Form erscheint, zeichnet der Aachner Germanist und George-Kenner Jürgen Egyptien die einzigartige Atmosphäre der Sommermonate auf Stift Neuburg nach und illustriert die geistige Geselligkeit des Kreises mit Briefen, Dichtungen und Bildern. Die von Karl Thylmann während der Treffen angefertigten Zeichnungen von George und Wolfskehl etwa werden hier erstmals publiziert.

In den Jahren 1909/10 war Stefan George mehrfach auf Stift Neuburg zu Besuch, einem ehemaligen Kloster bei Heidelberg, das der Dichter und Alchimist Alexander von Bernus kurz zuvor geerbt hatte. Mit George weilten gemeinsame Freunde wie Karl Wolfskehl, Melchior Lechter, der junge Komponist Wilhelm Petersen und die Zeichner Karl Thylmann und Rolf von Hoerschelmann auf dem Stift.
In Anknüpfung an den Schwabinger Okkultismus und inspiriert von der besonderen ‚mystischen Luft’ des Stifts führten die Anwesenden allerlei spiritistische Experimente durch und fahndeten auch nach einem ominösen Schatz. Ein letzter Höhepunkt des geselligen Zusammenseins war das so genannte Kometenfest anlässlich der Annäherung des Halleyschen Kometen an die Erde im Mai 1910. Der Stiftsherr Alexander von Bernus verfasste eigens das Mysterienspiel ›Melaina‹, das von den Gästen zur Aufführung gebracht wurde und mit der Prophetie einer Welterneuerung endet. Zugleich aber legte sich über die Teilnehmer die Ahnung, den letzten Abendschein einer untergehenden Epoche zu genießen; und die immer wieder aufbrechenden Konflikte zwischen dem Führungsanspruch Georges und dem auf sein Selbstbestimmungsrecht pochenden Alexander von Bernus gefährdeten unausgesetzt die Harmonie dieses scheinbar zeitenthobenen Lebens im Zeichen von Kunst, Muße und Mystik.
In der Marbacher Reihe SPUREN, die mit diesem Heft in gestalterisch aufgefrischter Form erscheint, zeichnet der Aachner Germanist und George-Kenner Jürgen Egyptien die einzigartige Atmosphäre der Sommermonate auf Stift Neuburg nach und illustriert die geistige Geselligkeit des Kreises mit Briefen, Dichtungen und Bildern. Die von Karl Thylmann während der Treffen angefertigten Zeichnungen von George und Wolfskehl etwa werden hier erstmals publiziert.
Der Dichter, Übersetzer, Grafiker und Verleger Rainer Maria Gerhardt war erst 27 Jahre alt, als er sich 1954 in Karlsruhe das Leben nahm. Er war ein Avantgardist; vor allem aber war er ein Entdecker: In Freiburg begonnen, unterhielt er in Karlsruhe seine Zeitschrift ›fragmente‹ und einen gleichnamigen Verlag weiter. Hier veröffentlichte er – teilweise zum ersten Mal in Deutschland – Texte von Ezra Pound, Henry Miller, Robert Creeley, Antonin Artaud, Charles Olson und William Carlos Williams, die er mit seiner Frau Renate zusammen übersetzt hatte. Mit seinen Aktivitäten gab Gerhardt entscheidende Anstöße für einen Wiederanschluss der deutschen Literatur an die weltliterarische Moderne nach dem Krieg, die später insbesondere von Enzensberger und Höllerer weitergeführt wurden.
An der Karlsruher Kunstakademie experimentierte Gerhardt mit Klecksografien und Holzschnitten. Auch seine ersten Bücher gestaltete er selbst. Mit seinen eigenen Gedichten gab Gerhardt Impulse für die Entwicklung einer experimentellen Lyrik in Deutschland. Er widmete sein Leben der Literatur, scheiterte aber wiederholt am Misstrauen und der Kritik von Kollegen in Deutschland sowie an Geldmangel und der fehlenden Resonanz in der Öffentlichkeit.
Der Literaturwissenschaftler und Journalist Georg Patzer zeichnet Gerhardts fast vergessene Aktivitäten in Karlsruhe nach und illustriert die Nachkriegswelt des Dichters mit bislang unveröffentlichten Fotos und Dokumenten.
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