Literaturland Baden-Württemberg

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Neue Publikationen

»Per Pedal zur Poesie« | Radweg 11

Am Samstag, dem 9. Mai 2015, wird in Oberkirch der mittlerweile 11. literarische Radweg Baden-Württembergs eröffnet. Die Tour, die am Rand des Schwarzwaldes beginnt und bei guter Sicht auch das Straßburger Münster in den Blick rückt, verbindet drei badische Orte zu einem barocken Dreieck. Die Route berührt zuerst Gaisbach, wo Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen an seinem berühmten Roman über die Abenteuer des „Simplicissimus Teutsch“ im verheerenden Dreißigjährigen Krieg geschrieben hat. Die zweite Station ist Renchen, wo Grimmelshausen Bürgermeister war und auch begraben wurde. Während der Renchener Jahre erschien der größte Teil seines Werks, das bis in die Weltliteratur reicht und dazu geführt hat, dass die Gegend auch als simplicianische Landschaft bezeichnet wird. Im Nachbarort Willstätt wurde Johann Michael Moscherosch geboren, dessen satirische Visionen seiner sittlich verrohten Zeit einen entlarvenden Zerrspiegel vorhielten und Grimmelshausen als Vorbild dienten. Die gesamte Strecke bis zurück nach Oberkirch misst etwa 50 km.

Die Eröffnungsveranstaltung in der Oberkircher Mediathek beginnt um 10:30 Uhr. Alle Freunde der Literatur und des Radwanderns sind herzlich eingeladen, gemeinsam mit Dr. Thomas Schmidt, der als Leiter der Marbacher „Arbeitsstelle für literarische Museen in Baden-Württemberg“ das Projekt „Per Pedal zur Poesie“ ins Leben gerufen hat, den Radweg einzuweihen. An den literarischen Orten wird es einen Imbiss, kurze Vorträge, Führungen und Lesungen geben. Interessierte, die nicht Radfahren, jedoch an den Eröffnungsveranstaltungen teilnehmen möchten, können sich um 10:30 Uhr in der Oberkircher Mediathek, gegen 13:00 Uhr auf dem Rathausplatz in Renchen und gegen 15:30 Uhr in der alten Mühle in Willstätt einfinden. Die Tour soll gegen 16:30 Uhr in Willstätt enden. Von dort aus besteht nach Voranmeldung bei Dorothée Kuhnt bis zum 4. Mai 2015 (07843/70718 oder d.kuhnt@renchen.de) die Möglichkeit des Rücktransports nach Oberkirch.

Die literarischen Radwege sollen – zumeist orientiert an bereits erschlossenen Routen – die Landkarte Baden-Württembergs auf neue Weise erfahrbar machen. Entworfen als Tagestouren, jedoch ebenso integrierbar in längere Wanderungen, führen sie entlang der unzähligen Literaturmuseen und -gedenkstätten Baden-Württembergs, berühren Handlungsorte von literarischen Texten und weitere wichtige Schauplätze der südwestdeutschen Literaturgeschichte. Vermittelt wird dieser topografische Umgang mit der Literaturgeschichte durch ein aufwendig gestaltetes und konsequent auf das Thema bezogenes Faltblatt. Rad- und literatur-‚technische’ Informationen rahmen dort einen Essay, der die jeweilige Landschaft als eine literarische vorstellt.

Die Idee der literarischen Radwege ist 2010 von der Initiative ›Deutschland – Land der Ideen‹ ausgezeichnet worden. Unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten hebt der Wettbewerb außergewöhnliche Ideen hervor, die die Zukunft Deutschlands aktiv mit gestalten. Der erste dieser Radwege wurde im Juni 2008 in Hölderlins Geburtsstadt Lauffen a.N. eröffnet. Insgesamt sollen landesweit noch mindestens fünf weitere eingerichtet werden.

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Spuren 104 | Siegmund Kopitzki: »Da webt in diesen greisen Giebelgassen, in diesen Thoren und Höfen noch Hussens Ketzerhohn.« Rilke in Konstanz

Ein Zeichen der Freundschaft: So lässt sich die Visite des Münchner Studenten und jungen Dichters Renée (später Rainer) Maria Rilke in den Ostertagen des Jahres 1897 am Bodensee ohne Zweifel bezeichnen. Er besuchte dort die Eltern seines Studienfreundes Wilhelm von Scholz, dessen Vater – der letzte preußische Finanzminister unter Bismarck – in Konstanz gemeinsam mit seiner Frau Anna seinen Altersruhesitz bezogen hatte. Rilke hatte den Ministersohn und ebenfalls aufstrebenden Dichter Wilhelm im Herbst 1896 kennengelernt. Schnell entwickelte sich eine intensive Beziehung. Man tauschte Bücher aus und besprach die jeweilige Novität des anderen. Die Reise nach Konstanz allerdings hat Rilke allein unternommen. In seinen Briefen beweist er ein erstaunliches Wissen über die alte Kultur-Landschaft – er lobt die Schönheit des Sees und der Stadt, erinnert vor allem aber auch an das Konstanzer Konzil (1414‑1418) und den Feuertod von Jan Hus, dem bewunderten tschechischen Reformator. In dem Gedicht ›Vision‹, das neben fünf weiteren Gedichten während seines Aufenthalts am Bodensee entstand, feiert Rilke »die kühne Mannheit« seines Landsmannes. Noch in den 1950er Jahren wurde dieses Gedicht in erzkatholischen Kreisen der Stadt angefeindet und seine Rezitation sanktioniert.

Im ersten Konstanz-Heft der reich illustrierten, bibliophilen Marbacher Reihe SPUREN hebt der Konstanzer Kulturjournalist Siegmund Kopitzki einen in der Literaturgeschichte bisher weitgehend übersehenen Schatz – die Visite des jungen Rainer Maria Rilke am Bodensee.

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Spuren 103 | Barbara Wiedemann: »Dem Element der russischen Sprache mehr denn je entrissen«. Mandelstam in Heidelberg

Im Wintersemester 1909/10 studierte Ossip Mandelstam an der Universität Heidelberg. Wie vorher in Paris, belegte der angehende Dichter auch in seinem kurpfälzischen Semester vorwiegend Lehrveranstaltungen zu mittelalterlichen Themen, nun zur französischen und deutschen Literatur. An der Universität war er der russische Student der Philologie israelitischen Glaubens Joseph Mandelstamm. Die im Heidelberger Universitätsarchiv erhaltenen Akten geben Anlass, einerseits die Situation der jüdisch-russischen Studierenden im frühen 20. Jahrhundert zu beleuchten und andererseits wichtige Lehrerpersönlichkeiten vorzustellen.

Seine deutschsprachigen Studien hinderten Mandelstam nicht daran, sich in seinem Heidelberger Semester als russischer Dichter um entscheidende Schritte weiterzuentwickeln. Das sollte nach seiner Rückkehr in die Heimat zu seinem Erstlingsband ›Kamen‹ (Der Stein) führen. Anschaulich wird das z. B. an jenen Gedichten, die er Briefen an seine Förderer in der Heimat beilegte. So lässt sich an einem Gedicht wie ›Na temnom nebe‹ (An den dunklen Himmel) die am Neckar erlangte poetische Position und deren Potential für die Zukunft erläutern.

Im neuen, reich illustrierten Heft der bibliophilen Marbacher Reihe SPUREN unternimmt es die namhafte Tübinger Literaturwissenschaftlerin und Celan-Spezialistin Barbara Wiedemann, einen entscheidenden Moment in Mandelstams poetischer Biografie mit einer Augenblickaufnahme aus den letzten Jahren des Großherzoglich Badischen Heidelberg zu verbinden.

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Spuren 102 | Marcel Atze: »Richte dich ein / zwischen Tür und Angel«. Sebald in Freiburg

Am 29. Oktober 1963 schrieb sich W. G. Sebald an der Philologischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau ein, um zum Wintersemester 1963/64 sein Studium der Germanistik und Anglistik zu beginnen. Warum er sich gerade die aufstrebende Alma Mater im deutschen Südwesten ausgesucht hat, muss rätselhaft bleiben, insbesondere wenn man die späteren Aussagen des schon berühmten Autors Sebald hinzuzieht, in denen er an der Hochschule und ihren Lehrern kaum ein gutes Haar ließ. Insbesondere die Allgegenwart Martin Heideggers war ihm ein Dorn im Auge. Trotzdem dürfte Sebald den vier im Badischen verbrachten Semestern einiges verdanken. Untergekommen ist er im Studentenwohnheim in der Maximilianstraße 15, wo er prominente Mitbewohner wie den späteren Anglistik-Professor und Bestsellerautor Dietrich Schwanitz hatte. In der ›Freiburger Studentenzeitung‹ war Sebald nicht nur zeitweise für das Feuilleton zuständig, sondern er publizierte dort auch etliche Gedichte und erste Prosaarbeiten, die bereits viel von seinen späteren Texten in sich bargen. Und schließlich lebte Sebald als Student in einer Stadt, die nach dem britischen Angriff vom 27. November 1944 ein zentraler Gedächtnisort für den Luftkrieg geworden war. Dass er sich dieser Tatsache schon drei Jahrzehnte vor seiner Züricher Poetik-Vorlesung ›Literatur und Luftkrieg‹ nicht entziehen konnte, zeigt auch der Blick in einen bislang unveröffentlichten autobiografischen Roman über seine Freiburger Zeit, der sich im Marbacher Nachlass befindet. Am 23. Juli 1965 exmatrikulierte sich Sebald und wechselte an die Universität Fribourg in der Schweiz, wo er seine Studien fortsetzte und erfolgreich zum Abschluss brachte.

Im neuen, reich bebilderten Heft der bibliophilen Marbacher Reihe SPUREN beleuchtet der Wiener Germanist und Archivar Marcel Atze die 21 Freiburger Monate Sebalds zum Teil anhand bisher unveröffentlichter Textpassagen dieses Autors.

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Spuren 101 | Dieter Martin / Andrea Riotte: »Ich wünsche schon lange von hier erlöset zu seyn«. Wieland in Tübingen

Am 30. Oktober 1750 immatrikulierte sich der 17-jährige Christoph Martin Wieland (1733–1813), der später zu einem der bedeutendsten Dichter des 18. Jahrhunderts werden sollte, an der Universität Tübingen, um dort – dem Wunsch seiner Eltern entsprechend – Jura zu studieren. Doch glaubt man seinen Erinnerungen, so hatte Wieland schon an der ersten juristischen Vorlesung »auf immer genug« und offenbar keine weiteren »Collegia« besucht, als er die Universität im Sommer 1752 ohne Examen wieder verließ. Entsprechend unscharf bleiben die Spuren, die der Tübinger Aufenthalt in Wielands Leben hinterlassen hat. Auch umgekehrt führt Wieland im heutigen Tübinger Stadtbild ein Schattendasein: Ein vermeintliches Dichterhäuschen auf der ›Wielandshöhe‹, um das sich nach Wielands Tod lokalpatriotische Sagen rankten, ist längst verschwunden; eine in Bahnhofsnähe konzipierte Wielandstraße wurde nie gebaut, weil sich im späten 19. Jahrhundert weitsichtige Parkschützer gegen die Städteplaner durchsetzten; und an das 1789 abgebrannte Haus der Hochmann’schen Stiftung, in dem der Student wohnte, erinnert heute nur noch eine Gedenktafel.

Ganz so »einsam und unbekannt«, wie es der junge Wieland beklagt, um möglichst bald »von hier erlöset zu seyn« und ins literarisch interessantere Zürich eingeladen zu werden, dürfte er sein Tübinger Leben aber nicht zugebracht haben: Im neuen, reich illustrierten Heft der bibliophilen Marbacher Reihe ›Spuren‹ rekonstruieren die Biberacher Historikerin Andrea Riotte und der Freiburger Germanist Dieter Martin nicht nur die bildungsgeschichtlichen Hintergründe und familiären Traditionen, die Wieland nach Tübingen verschlagen haben, sondern auch seine Kontakte zum angeblich verhassten »academischen Leben«, die für den angehenden Dichter bedeutender gewesen sein dürften, als er selbst es zugestanden hat.

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Spuren 100 | Günter Riederer: Sartre in Stammheim

Das 100. Heft der bibliophilen Marbacher Reihe SPUREN rekonstruiert ein wichtiges Ereignis der deutschen Nachkriegsgeschichte: den Besuch Jean-Paul Sartres bei Andreas Baader in Stammheim. Das Gespräch zwischen dem französischen Intellektuellen und dem inhaftierten Kopf der Rote Armee Fraktion wurde von einem immensen Medienspektakel begleitet, obgleich es nur eine knappe Stunde dauerte. Was bewog den berühmten Philosophen und Schriftsteller, der von der Literatur ein dezidiert politisches Engagement forderte, zu diesem Besuch? Was ist bekannt über die Hintergründe dieses Treffens und über den Verlauf des Gesprächs? Minutiös zeichnet der Historiker Günter Riederer die Ereignisse des 4. Dezembers 1974 nach und fragt nach der geschichtlichen, aber auch nach der literarischen Tragweite dieser Begegnung, die sich ganz am Beginn der Entstehung des Mythos Stammheim vollzog.

Dieser Ansatz ist programmatisch für die SPUREN, die vor 25 Jahren von Thomas Scheuffelen und Friedrich Pfäfflin entwickelt wurden und seit 2006 von Thomas Schmidt herausgegeben werden. Das Konzept der Reihe ist nach wie vor ebenso schlicht wie aufwendig: Viermal im Jahr werden aus genau einem Bogen Druck-papier Hefte von sechzehn Seiten, die bekannte, aber mitunter auch unbeachtete Orte im deutschen Südwesten mit großem gestalterischem Aufwand als Schau-plätze der Literatur- und Geistesgeschichte beleuchten. Bisweilen mit detektivischem Spürsinn setzen sie Stein um Stein das Mosaik einer reichen, farbigen, auch dissonanten Literaturlandschaft zusammen, in der sich Ereignisse der Weltliteratur und solche mit regionaler Strahlkraft ergänzen. Auf diesen Entdeckungsreisen geraten ein bekannter Autor, ein oft gelesener Text oder auch ein vertrauter Ort plötzlich in ein neues Licht. Dafür schöpfen die SPUREN aus den Archiven und präsentieren auch unveröffentlichte Manuskripte, Briefe, Zeichnungen und Fotografien. Mit einer eigens angefertigten Landkarte, den farbigen, halbtransparenten Pergamin-Umschlägen und dem sorgfältig ausgewählten Signet gehören die SPUREN-Hefte zu den »am liebevollsten durchdachten Produkten der Büchermacherei« (Rolf Vollmann, Die Zeit). Abonnenten erhalten die vier Hefte pro Jahr für lediglich 13,30 (mit Abbuchung) bzw. 14,80 (mit Überweisung).

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Spuren 99 | Tilman Venzl: »Damit war ich aufgenommen in die Schar der Schützlinge des Klosters«. Lotte Paepcke in Freiburg und Stegen

Auf dem Gelände des unweit von Freiburg gelegenen ehemaligen Klosters Stegen erinnern Stolpersteine daran, dass hier von 1943 bis 1945 neun deutsche Juden versteckt und geschützt wurden. Unter ihnen befand sich auch die Autorin und spätere Hebel-Preisträgerin Lotte Paepcke, die Ende November 1944 in Stegen Schutz fand. Was war passiert? Nachdem die schwer erkrankte Paepcke in Freiburg einen für Juden vom Nazi-Regime verbotenen Krankenhausaufenthalt hatte riskieren müssen, ging mit dem verheerenden Luftangriff auf die Stadt am 27. November 1944 auch ihr Lebensmut in Trümmer. Vollkommen unerwartet für sie erschien plötzlich Pater Heinrich Middendorf aus dem Stegener Kloster und brachte sie in Sicherheit. In ihren autobiografisch geprägten Texten – allen voran ›Unter einem fremden Stern‹ von 1952 – berichtet Lotte Paepcke von ihrem Leben als Jüdin in Deutschland und rückt dabei immer wieder die Erlebnisse in Freiburg und Stegen ins Zentrum. Was sich an diesen Orten abspielte, ist ihre ganz persönliche Überlebensgeschichte, die zugleich exemplarische Züge des deutschen Judentums hervortreten lässt. In Freiburg wuchs sie als Kind assimilierter Reformjuden auf, das sich ganz selbstverständlich gleichermaßen als Jüdin und Deutsche betrachtete; hier musste sie auch die antisemitische Radikalisierung und Bedrohung miterleben. In Stegen fand sie schließlich Zuflucht. Doch beide Orte waren ihr mehr als biografisch brisante Schauplätze – nämlich Kristallisationspunkte eines Martin Buber verpflichteten Nachdenkens über die Rolle jüdischer Überlebender während und nach der Shoah.

Im neuen, reich illustrierten Heft der bibliophilen Marbacher Reihe ›Spuren‹ beleuchtet der Stuttgarter Germanist Tilman Venzl mit Hilfe von zum Teil unveröffent-lichtem Material Lotte Paepckes Zeit im Breisgau und liefert zugleich eine Charakteristik dieser Autorin.

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Spuren 98 | Jürgen Egyptien: »Ein Untier [...], das Menschen fraß und – Gumbolf hieß«. Friedrich Gundolf in Heidelberg

Als Friedrich Gundolf 1910 nach Heidelberg zog, um dort seine akademische Karriere zu starten, bildete sich um ihn rasch ein Kreis von Schülern und Freunden, der stark vom Geist Stefan Georges geprägt war. 1914 entstand in diesem Kreis die Idee, Gundolf zu Ehren eine nächtliche Shakespeare-Inszenierung auf dem Königstuhl, dem Heidelberger Hausberg, aufzuführen. Norbert von Hellingrath, der bedeutende Hölderlin-Editor, war selbst als Schauspieler daran beteiligt und berichtete detailfreudig und amüsant von diesem Ereignis, das im Rückblick wie ein letzter Höhepunkt des ganz besonderen Heidelberger Geistes vor der Katastrophe des Ersten Weltkriegs wirkt. 1919 versammelte George in Friedrich Gundolfs neuem Heidelberger Domizil, der heute noch existierenden Villa Lobstein am Eingang des Schlosses, den harten Kern seines Kreises, um nach Kriegsende mit dem Seelenfest an Pfingsten ein Signal zur kulturellen Erneuerung zu setzen. Gundolf wurde später, 1931, kurz vor seinem Tod, Opfer der politischen Polarisierung der späten Weimarer Republik, als er in der ungeliebten Rolle des Dekans der Philosophischen Fakultät unfreiwillig mit zum Ausbruch eines nationalistischen Protests der Heidelberger Studentenschaft gegen den pazifistischen Justizkritiker Emil Julius Gumbel beitrug.

Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Jürgen Egyptien rekonstruiert in der neuen Ausgabe der bibliophilen Marbacher Reihe SPUREN mit teilweise bislang unbekannten Materialien die kulturelle und politische Situation in der Universitätsstadt Heidelberg im Umfeld des George-Kreises.

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Spuren 97 | »Die Engel sind weiß«. Balzac in Weinheim

Der französische Romancier Honoré de Balzac (1799-1850) bekannte sich in einem Brief an seine Geliebte, die polnische Gräfin Hańska, dazu, bei einem Aufenthalt in Weinheim an der Bergstraße endlich den lange gesuchten Schluss für seinen Roman ›Louis Lambert‹ gefunden zu haben. Das Buch gehört zur Abteilung ›Philosophische Romane‹ des großen Zyklus ›Menschliche Komödie‹ und war seit der Erstfassung von 1832 schon mehrfach umgearbeitet worden – Balzac blieb unzufrieden. Im Mai 1835 machte er auf einer Reise nach Wien, wo sich Ève Hańska gerade aufhielt, Station im Weinheimer Schloss. Weil sein Reisebegleiter Prinz Alfred von Schönburg mit der Hausherrin Persönliches zu besprechen hatte, war sich Balzac im Schlossgarten eine Weile selbst überlassen. Sein Spaziergang schlug sich in den dort entstandenen philosophischen ›Gartengedanken‹ nieder. Sie gingen in den Schluss der Ende 1835 erschienen letzten Romanfassung ein. Eines der Blätter, auf denen Balzac im Garten schrieb, hat sich zufällig erhalten und befindet sich heute im Institut de France in Paris. Es ist gerade das, auf dem auch der Name Weinheim vermerkt ist.

Im neuen, reich bebilderten Heft der bibliophilen Marbacher Reihe SPUREN zeigt die Literaturwissenschaftlerin Barbara Wiedemann, welche Wirkungen Balzacs Weinheimer Aufenthalt im Roman ›Louis Lambert‹ hinterlassen hat. Dabei gelingt es ihr, die große Bedeutung plausibel zu machen, die der Romancier selbst den Weinheimer ›Gartengedanken‹ gegeben hat: Der im Schlosspark gefundene Schluss trägt zum Verständnis der Personenkonstellation des Romans entscheidend bei.

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Spuren 96 | Arnold Stadler: »... daß wir einmal in HEBELS eigenes Land ziehen würden und z’Stufe glücklich wären.« Erhart Kästners Haus in Staufen

Ein Haus zu bauen, gehöre zu den ältesten Träumen des Menschen, doch »eigentlich, genau besehen, baut jeder Bauherr an zukünftigen Ruinen«. Mit dieser Feststellung erweist Arnold Stadler seinem Schriftstellerkollegen Erhart Kästner im 96. Heft der bibliophilen Marbacher Reihe SPUREN eine sehr persönliche Referenz. Der Büchner- und Hebelpreisträger schreibt über jenes Nachsommerhaus«, das sich Kästner gegen Ende seines Lebens im südbadischen Staufen gebaut hat: »Ein Haus ist auch ein Buch, in dem man lesen kann«, und Kästners Haus, so Stadler, stehe da wie ein »Ja«.

Am Ende seines Direktorats in Wolfenbüttel, während dessen er die Bibliothek von Leibniz und Lessing wieder auf Weltniveau gehoben hat, entschied sich Kästner gegen das Bayern von Franz Josef Strauß und für einen Alterssitz im Breisgau – in der Nähe von Martin Heidegger, seinem »privilegierten Partner in Sachen Sprache und Philosophie«. Heidegger, dessen Philosophie sich auch Stadler verbunden sieht, war ein wichtiger Stichwortgeber für Kästners letztes, zivilisations-kritisches Buch ›Aufstand der Dinge‹, das er in seiner »weltoffenen Klausur« auf der »Saumlinie zwischen Rebland und Schwarzwald« niederschrieb.

Die intime Begegnung der beiden Autoren Stadler und Kästner in den SPUREN schöpft fast ausschließlich aus bislang unveröffentlichten Materialien. Aus Kästners Nachlass hat Stadler dem Heft auch die Reproduktion eines Mark Tobey-Blattes beigelegt, das wie die von Max Ernst gestaltete Vignette auf Kästners großes Engagement für die moderne Kunst verweist.

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Spuren 95 | Jürgen Oppermann: »... O See, / du Pfütze voll Schlangen und Kröten«. Joseph Victor von Scheffel in Radolfzell

Im Winter 1871 erwarb der »Lieblingsdichter der Deutschen«, Joseph Victor von Scheffel, ein Bodensee-Grundstück bei Radolfzell, um sich im Alter von nur 45 Jahren vor dem Trubel um seine Person zurückzuziehen. Mit dem großen Erfolg seiner Gedichtsammlung ›Gaudeamus‹ (1868) waren auch seine Historien-Epen ›Der Trompeter von Säckingen‹ (1854) und ›Ekkehard‹ (1855) zu Bestsellern geworden, die nach und nach dreistellige Auflagen erreichten. Seine literarische Produktion indes war längst zum Stillstand gelangt; nur noch hin und wieder schrieb er Texte zu Festspielen für aristokratische Auftraggeber oder Jubiläumsgedichte für Freunde.

In Radolfzell, wo er sich seine ›Villa Seehalde‹ im italienischen Landhausstil bauen ließ und später noch das Mettnaugut erwarb, konzentrierte sich der von seiner Frau getrennt lebende Scheffel vornehmlich auf die Erziehung seines Sohnes; er baute Wein und Gemüse an, ging fischen und auf die Jagd. Das Leben im beschaulichen Altersdomizil wurde jedoch von etlichen Prozessen getrübt, die der einstige Jurist Scheffel wegen vermeintlicher Beleidigung und Verlagsstreitigkeiten führte. Als Höhepunkt dieser juristischen Händel warfen ihm Radolfzeller Fischer sogar versuchten Totschlag vor. Scheffels Resümee: Der Bodensee sei eine »Pfütze voller Schlangen und Kröten«.

Im neuen, reich illustrierten Heft der bibliophilen Marbacher Reihe SPUREN wirft der Karlsruher Literaturwissenschaftler Jürgen Oppermann anhand von Scheffels Selbstzeugnissen ein Schlaglicht auf dessen nachliterarischen Alltag am Bodensee.

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Spuen 94 | Tina Stroheker: »Wie die Vertreibung in ein Paradies«. Josef Mühlberger in Eislingen

Ein deutscher Böhme in Ost-Württemberg, ein Intellektueller in der Kleinstadt, ein Homosexueller zu Geltungszeiten des berüchtigten § 175 in der Provinz: Josef Mühlberger, 1903 als Sohn eines deutschen Vaters und einer tschechischen Mutter in Trautenau (heute Trutnov) geboren, kam 1946 mit anderen Deutschen, die die Tschechoslowakei hatten verlassen müssen, am Rand der Schwäbischen Alb an. Er empfand es als »Vertreibung in ein Paradies«. Während der NS-Zeit hatte er die Publikationsmöglichkeit verloren und war wegen Unzucht inhaftiert worden. Hinter ihm lagen Kriegsdienst und amerikanische Gefangenschaft. In Distanz zu den unversöhnlichen Kreisen der Vertriebenenverbände, die von seiner Sehnsucht nach Ausgleich befremdet waren, fand er sich in seiner neuen Heimat nicht bereit, »dem Chauvinismus, welcher Einfärbung auch immer, nachzugeben« (Härtling). Stattdessen blieb es Mühlberger, dessen 1934 erschienene Erzählung ›Die Knaben und der Fluß‹ Hermann Hesse hoch gelobt hatte, u.a. als Verfasser einer ›Tschechischen Literaturgeschichte‹ (1970) ein Anliegen, Deutsche und Tschechen einander näherzubringen. In der württem-bergischen Fremde versuchte der Schriftsteller, Übersetzer, Literaturwissenschaftler und Journalist anzukommen, indem er sich deren Geschichte zu eigen machte. Befreundet mit Max Brod und geschätzt von Siegfried Unseld, stand Mühlberger mit seinem verhaltenen Pathos und seinem Hang zum Belehrenden den ästhetischen Experimenten seiner Zeitgenossen fern und blieb im westdeutschen Literaturbetrieb eine Randfigur. Nirgends daheim, wurde die Frage, was Heimat und was Fremde sei, zu Mühlbergers Lebensfrage.

In den SPUREN stellt die Schriftstellerin Tina Stroheker eine exemplarische Biografie des 20. Jahrhunderts vor, in der die Spannung zwischen Entwurzelung und Beheimatung zu Literatur wurde. Das Heft zeigt auch einen Brief Paul Celans,
der Mühlberger im Kontext der Goll-Affäre zur Parteinahme verpflichten wollte.

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Spuren 93 | Christine Ivanovic: »Nach der weißen Rose«. Ilse Aichinger in Ulm

»Nach der weißen Rose«. Christine Ivanovic: Ilse Aichinger in Ulm

Ilse Aichinger, die im letzten Jahr ihren 90. Geburtstag feiern konnte, erfuhr im Frühjahr 1943 in Wien von der Hinrichtung der ›Weißen Rose‹. Das Wissen um den Widerstand gegen Hitler – so berichtete die österreichische Autorin drei Jahrzehnte nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus in einer Ansprache in Ulm –, gab Hoffnung und Kraft, die Zeit der Verfolgung und Vernichtung zu überstehen. Ihr Roman ›Die größere Hoffnung‹ (1948), der diese Situation verarbeitet, hatte in der Donaustadt schon bald nach seinem Erscheinen die Aufmerksamkeit von Inge Scholl erregt. Die ältere Schwester von Hans und Sophie Scholl, die zur selben Zeit mit der Volkshochschule Ulm eine völlig neuartige Bildungsarbeit »im Geiste der Gemordeten« aufzubauen begann, lud Aichinger Anfang 1950 zu einer Lesung hierher ein. Sie freundeten sich an, und Aichinger arbeitete schon wenig später für einige Monate als Sekretärin Scholls. Im engagierten Kreis um Inge Scholl lernte Ilse Aichinger auch Hans Werner Richter kennen, der sie zur Gruppe 47 einlud.

Im neuen, reich bebilderten Heft der bibliophilen Marbacher Reihe SPUREN zeigt die Germanistin Christine Ivanovic, wie ›Nach der Weißen Rose‹ für Ilse Aichinger zur Sigle eines engagierten Schreibens nach Auschwitz wurde und Ulm zu einer ihren wichtigen biografischen Stationen – und zwar vor dem Hintergrund der Replatzierung der Moderne in Deutschland. Denn aus der Bildungsidee der Volkshochschule Ulm ging just in jenen Jahren, initiiert durch Scholl, ihren späteren Mann Otl Aicher, Max Bill und andere, die ›Hochschule für Gestaltung‹ hervor, die als international bedeutendste Design-Hochschule nach dem Bauhaus gilt.

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Spuren 92 | Valérie Lawitschka: »Luftig, wie ein leichter Kahn«. Die schwäbische Schule und die Wurmlinger Kapelle

Westlich von Tübingen, auf dem Wurmlinger Kapellenberg, steht weithin sichtbar ein Kirchlein, das bis heute in unzähligen Gedichten besungen wurde. Nach der Legende hat ein Graf von Calw bestimmt, dass nach seinem Tod dort, wo das Gespann mit seinem Sarg zum Stehen käme, eine Kapelle gebaut werden solle.
War die Kapelle für den jungen Hölderlin noch ein Fluchtort vor dem Lärm der Tübinger Markttage, wird der geschichtsträchtige Ort wenig später zu einem beliebten Ausflugsziel – und für die Schwäbische Schule zu einem Ort der dichterischen Reflexion. Mit ihren Kapellen-Gedichten stehen Ludwig Uhland, Gustav Schwab und Nikolaus Lenau am Beginn der literarischen Beschriftung von Berg und Kirche. Bereits als 18-Jähriger schreibt Uhland sein später zum Volkslied gewordenes Gedicht. Schwab verarbeitet den Sagenstoff zehn Jahre danach in einer 18strophigen Romanze, und der schwermütige Lenau dankt 1831 seinen schwäbischen Freunden, die ihn durch Spaziergänge auf den Kapellenberg aufheitern, mit seinen Versen.

Im neuen, reich illustrierten Heft der bibliophilen Marbacher Reihe SPUREN zeigt
die Geschäftsführerin der Hölderlin-Gesellschaft, Valérie Lawitschka, wie alle drei Gedichte die Wurmlinger Kapelle nicht nur als Erinnerungszeichen beleuchten, sondern die geologische Lage insbesondere zur Inszenierung eines Schwebe-zustands, eines Zustands des Dazwischen, nutzen: In Uhlands memento mori hält der Sprecher die Mitte zwischen »Droben« und »Drunten«, Schwabs Legendenbearbeitung stellt den Übergang von Leben und Tod heraus, und Lenaus Weltschmerz wird gelindert durch die Metapher der Kirche als luftiger Kahn.

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Spuren 91 | Franz Schwarzbauer: »Aus Ravensburg telegraphierte meine Frau, dass die Möbel stehen, und dass ich morgen einziehen kann«. Ernst Jünger in Ravensburg

Im Dezember 1948 übersiedelte Ernst Jünger vom niedersächsischen Kirchhorst ins oberschwäbische Ravensburg: aus der englischen Besatzungszone, wo er sich einem Publikationsverbot ausgesetzt sah, in die weit liberalere französische. In Ravensburg, das vom Zweiten Weltkrieg weitgehend verschont geblieben war, intensivierte Jünger seine Kontakte zu Freunden, Kollegen und Verlegern. Unter dem Titel ›Strahlungen‹ veröffentlichte er von Ravensburg aus die Tagebücher der Jahre 1941 bis 1945. Zudem vollendete er dort seinen Roman ›Heliopolis – Rückblick auf eine Stadt‹. Während Jünger mit ›Strahlungen‹ einen publizistischen Erfolg hatte, war die öffentliche Resonanz auf den utopischen Roman verhalten; im privaten Kreis wurde ›Heliopolis‹ sogar heftig kritisiert. ›Heliopolis‹ blieb auf Jahre Jüngers letzter Versuch eines Romans. Mit umso größerer Entschiedenheit wandte er sich von da an dem Tagebuch und der Essayistik zu. Noch in anderer Hinsicht markierten die Ravensburger Jahre eine signifikante Veränderung: Erstmals beschäftigte Jünger einen Sekretär. Im September 1949 übernahm Armin Mohler, der die damaligen Begebenheiten in seinem ›Ravensburger Tagebuch‹ detailliert festhielt, diese Aufgabe.

Der Ravensburger Kulturamtsleiter und Literaturwissenschaftler Franz Schwarzbauer erhellt die Ravensburger Jahre Ernst Jüngers und erläutert, warum sie mehr als ein bloßes Atemholen waren. Sie können vielmehr als eine Art Wegscheide in Leben und Werk Jüngers gelten. Damals bereitete er jene repräsentative Lebensform vor, die er dann in Wilflingen kultivierte, in das er im Juli 1950 von Ravensburg aus umgezogen war.

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Spuren 90 | Thomas Schmidt: »Der Belche stoht verchohlt«. Johann Peter Hebel und der Belchen

Der Belchen, der eindrucksvollste aller Gipfel im Schwarzwald, ist in der Literaturgeschichte mehr als nur ein Nebenschauplatz. Diesen Berg hat Johann Peter Hebel im Jahr 1791 bestiegen, etliche Jahre bevor das Gebirgswandern sozial legitimiert und populär wurde. Die intensive Begegnung mit der unberührten Natur (mit Panoramablick von Straßburg bis zum Mont Blanc) verband sich für Hebel und den ihn begleitenden Friedrich Wilhelm Hitzig mit der ungewohnten leiblichen Extremerfahrung zu einem rauschhaften, quasireligiösen Erlebnis, das bei den beiden Freunden Zeit ihres Lebens weitergewirkt hat. Den Belchen wählte sich auch der von Hebel und Hitzig mitgegründete Proteuserbund zum „Altar“, der im Freundeskult der Zeit zwischen Göttinger Hain und Jenaer Frühromantikern angesiedelt war, sich aus Versatzstücken antiker Philosophie eine launische Weltanschauung mit einer Buchstaben verdrehenden Scherz- und Geheimsprache gab und die engstirnigen Bürger als „Schwabenhammel“ verspottete. Literarisch schlug sich die „Belchenwallfahrt“ in Hebels allerersten Versen, dem Hymnus Ekstase, nieder; insbesondere aber in seinem großen apokalyptischen Mundartgedicht ›Die Vergänglichkeit‹, einem in der deutschen Literaturgeschichte einzigartigen Gespräch über die letzten Dinge. Der Berg wird darin zum verbliebenen Orientierungspunkt nach dem Weltenbrand, und das Gespräch mit einem stets präsenten Freund spendet Trost im Angesicht der unabänderlichen Zerstörung alles Seienden. Letzthin reicht die auf dem Belchen in einer Übertretung sozialer und leiblicher Konventionen besiegelte Freundschaft sogar bis in den literarischen Kanon. Denn auch der von Hebel erfundene ›Rheinische Hausfreund‹, der seine Kalendergeschichten so erfolgreich machte, hat hier einen seiner Ursprünge.

Im neuen, reich bebilderten Heft der Marbacher SPUREN stellt Thomas Schmidt, Herausgeber der bibliophilen Reihe und im Hebeljahr 2010 für die Neukonzeption des Hebelhauses in Südbaden zuständig, den Belchen als Hebels Berg vor: als einen Berg der Vergänglichkeit und einen Berg der Freundschaft.

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Spuren 89 | Dieter Martin: »Kein Laut unterbricht die ewige Stille, nur daß tief unten im Thal melancholisch ein Quell murmelt.“ Grimmelshausen und der Mummelsee

Ob Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, der Verfasser des ›Simplicissimus Teutsch‹ von 1668, jemals persönlich am Mummelsee war, wissen wir nicht. Sicher ist aber, dass er den damals schwer zugänglichen See im Hochschwarzwald zu einem besonderen Ort der Literatur gemacht hat. Denn der Barockdichter lässt seinen Romanhelden so anschaulich und lebendig von seiner Mummelsee-Expedition erzählen, dass sich spätere Sagensammler wie die Brüder Grimm immer wieder auf den ›Simplicissimus‹ bezogen haben.

So genau die Mummelsee-Darstellung im ›Simplicissimus‹-Roman persönliches Erleben widerzuspiegeln scheint, so deutlich zeugt sie zugleich von den Erkundungen des Dichters in den Textwelten der barocken Naturkunde. Der Vergleich mit großen Kompendien der Zeit, wie sie die Jesuiten Caspar Schott und Athanasius Kircher vorgelegt haben, offenbart nämlich erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen dem vermeintlich ungebildeten Grimmelshausen und den Buchgelehrten seiner Epoche. Ja, der Romandichter überbietet die wissenschaftlichen Berichte der Zeitgenossen sogar noch. Denn sein Held lässt sich von den Wundern des Mummelsees – wie angedroht, lösen Steinwürfe ins Wasser prompt ein Gewitter aus – nicht schrecken, sondern geht der Sache buchstäblich auf den Grund. Unversehens wird er von den Bewohnern des Mummelsees in deren Unterwasserreich entrückt. Dort gelangt er zu tiefen Einsichten in die Schöpfungsordnung und lernt im Erdinneren ein utopisches Friedensreich kennen. Allerdings kann der Held die im Mummelsee gewonnenen Erkenntnisse an der Erdoberfläche nicht anwenden, sondern verschwendet einen mitgebrachten Wunderstein am falschen Ort.

Der Freiburger Germanist und Grimmelshausen-Kenner Dieter Martin klärt in den SPUREN 89 über die Hintergründe und Zusammenhänge von Simplicissimus’ Mummelsee-Abenteuer auf. Die Mummelsee-Episode, deren Nachwirkung bis in die Romantik skizziert wird, liest er als skeptische Reflexion des Barockdichters über den Menschen und seine wissenschaftliche Neugier.

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Spuren 88 | Isolde Döbele-Carlesso: »Wie würden Sie diese Gegend lieben!« Juliane von Krüdener auf dem Katharinenplaisir bei Cleebronn

Im März 1809 bezog die aus Riga stammende Schriftstellerin Juliane von Krüdener das Hofgut Katharinenplaisir bei Cleebronn. In ländlicher Abgeschiedenheit wollte sie sich – einen frommen Lebensstil führend – dem Schreiben widmen. Die baltische Baronin stand kurz vor dem Abschluss ihres Romans ›Othilde‹. Mit ihrem 1803 erschienenen Briefroman ›Valérie‹ war die Krüdener zu einer Erfolgsschriftstellerin avanciert, die mit bedeutenden Persönlichkeiten der literarischen Welt in Verbindung stand. In Paris betrieb sie einen literarischen Salon, korrespondierte und verkehrte auch mit Jean Paul, Madame de Staël, Dorothea Schlegel und Sophie La Roche. Doch pflegte sie auch eigenwillige Freundschaften wie die zu der selbsterklärten Prophetin Maria Gottliebin Kummer. Obwohl diese ehemalige Gefängnisinsassin von vielen als Heuchlerin und Betrügerin angeklagt wurde, schenkte ihr die Baronin das vollste Vertrauen. Als die Kummerin in einer Vision das Königreich Württemberg als Sammelplatz aller Gläubigen zu erschauen meinte, zögerte Juliane von Krüdener nicht lange und erkor das Katharinenplaisir bei Cleebronn zu ihrem neuen Domizil, wo die skandalumwitterte Vergangenheit der Kummerin die kleine Gesellschaft jedoch bald einholen und ihrem Aufenthalt auf dem Hofgut ein jähes Ende bereiten sollte.

Die Historikerin Isolde Döbele-Carlesso wirft in diesem SPUREN-Heft ein Schlaglicht auf die Geschichte weiblichen Schreibens um 1800, stellt die heute weitgehend vergessene Juliane von Krüdener vor und geht den Ereignissen auf dem Katharinenplaisir nach, die schließlich dazu führten, dass die Baronin ihre schriftstellerische Karriere aufgab und sich ganz der Religion zuwandte.

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Spuren 87 | Rainer Moritz: »Braune Ziegel wie ehedem«. Hermann Lenz und Künzelsau

Fast wäre Hermann Lenz in Künzelsau geboren worden. Im Sommer 1912 waren seine Eltern, der Zeichenlehrer Hermann Friedrich Lenz und seine schwangere Frau Elise ins Hohenlohische gezogen, doch vorsorglich hatte Vater Lenz für seine Frau einen Platz in der Württembergischen Hebammenschule in Stuttgart reserviert. In der Residenz kam Hermann Karl Lenz am 26. Februar 1913 zur Welt; wenige Tage später kehrte der Säugling mit seiner Mutter in die Künzels­auer Provinz zurück. Elf Jahre lebten die Lenzens dort in einem – erhalten gebliebenen – Haus in der Keltergasse; elf Jahre, in denen Lenz Erfahrungen machte, die sich in seinem Werk auf vielfältige Weise spiegeln. Immer wieder befasste sich Lenz, der 1978 den Büchnerpreis erhielt, mit seiner Künzelsauer Jugendzeit, vor allem in seinem autobiografischen Eugen-Rapp-Romanzyklus, dessen erster Teil ›Verlassene Zimmer‹ vornehmlich im Hohenlohischen spielt. Aber auch in anderen Büchern – im Roman ›Zwei Frauen‹ und im Fotoband ›Im Hohenloher Land‹ – werden Erinnerungen an Künzelsauer Gassen und Gärten wach, zeigt sich, welche Bedeutung manchen der Nachbarn und Lehrer zukam, die Hermann Lenz’ Jugend prägten. In allen Lebensjahrzehnten besuchte Lenz, meist zusammen mit seiner Frau Hanne, Künzelsau. Manchmal erschien ihm die Stadt dann, »als ob sich nichts verändert habe«, ein andermal, »als habe sich die Kindheit verflüchtigt«.

Der Literaturkritiker und Leiter des Hamburger Literaturhauses Rainer Moritz zeichnet in den SPUREN nach, warum der im Alter hochgeehrte Schriftsteller Lenz, der lange Zeit im Literaturbetrieb der Bundesrepublik wenig Beachtung fand, die Zeit in Künzelsau nicht losließ und wie sie unterschwellig seine Poetik beeinflusste.

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Spuren 86 | Wolfgang Ranke: »Schauer fuhr durch mein Gebein, als sich der Asperg vor mir aus seinem blauen Schleier enthüllte«. Schiller, Schubart und der Hohenasperg

In den Jahren 1909/10 war Stefan George mehrfach auf Stift Neuburg zu Besuch, einem ehemaligen Kloster bei Heidelberg, das der Dichter und Alchimist Alexander von Bernus kurz zuvor geerbt hatte. Mit George weilten gemeinsame Freunde wie Karl Wolfskehl, Melchior Lechter, der junge Komponist Wilhelm Petersen und die Zeichner Karl Thylmann und Rolf von Hoerschelmann auf dem Stift.

In Anknüpfung an den Schwabinger Okkultismus und inspiriert von der besonderen ‚mystischen Luft’ des Stifts führten die Anwesenden allerlei spiritistische Experimente durch und fahndeten auch nach einem ominösen Schatz. Ein letzter Höhepunkt des geselligen Zusammenseins war das so genannte Kometenfest anlässlich der Annäherung des Halleyschen Kometen an die Erde im Mai 1910. Der Stiftsherr Alexander von Bernus verfasste eigens das Mysterienspiel ›Melaina‹, das von den Gästen zur Aufführung gebracht wurde und mit der Prophetie einer Welterneuerung endet. Zugleich aber legte sich über die Teilnehmer die Ahnung, den letzten Abendschein einer untergehenden Epoche zu genießen; und die immer wieder aufbrechenden Konflikte zwischen dem Führungsanspruch Georges und dem auf sein Selbstbestimmungsrecht pochenden Alexander von Bernus gefährdeten unausgesetzt die Harmonie dieses scheinbar zeitenthobenen Lebens im Zeichen von Kunst, Muße und Mystik.

In der Marbacher Reihe SPUREN, die mit diesem Heft in gestalterisch aufgefrischter Form erscheint, zeichnet der Aachner Germanist und George-Kenner Jürgen Egyptien die einzigartige Atmosphäre der Sommermonate auf Stift Neuburg nach und illustriert die geistige Geselligkeit des Kreises mit Briefen, Dichtungen und Bildern. Die von Karl Thylmann während der Treffen angefertigten Zeichnungen von George und Wolfskehl etwa werden hier erstmals publiziert.

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Spuren 85 | Jürgen Egyptien: »Zeitlos in Bild und Gedicht wird dieser Sommer bestehn«. Stefan George auf Stift Neuburg

 

In den Jahren 1909/10 war Stefan George mehrfach auf Stift Neuburg zu Besuch, einem ehemaligen Kloster bei Heidelberg, das der Dichter und Alchimist Alexander von Bernus kurz zuvor geerbt hatte. Mit George weilten gemeinsame Freunde wie Karl Wolfskehl, Melchior Lechter, der junge Komponist Wilhelm Petersen und die Zeichner Karl Thylmann und Rolf von Hoerschelmann auf dem Stift.

In Anknüpfung an den Schwabinger Okkultismus und inspiriert von der besonderen ‚mystischen Luft’ des Stifts führten die Anwesenden allerlei spiritistische Experimente durch und fahndeten auch nach einem ominösen Schatz. Ein letzter Höhepunkt des geselligen Zusammenseins war das so genannte Kometenfest anlässlich der Annäherung des Halleyschen Kometen an die Erde im Mai 1910. Der Stiftsherr Alexander von Bernus verfasste eigens das Mysterienspiel ›Melaina‹, das von den Gästen zur Aufführung gebracht wurde und mit der Prophetie einer Welterneuerung endet. Zugleich aber legte sich über die Teilnehmer die Ahnung, den letzten Abendschein einer untergehenden Epoche zu genießen; und die immer wieder aufbrechenden Konflikte zwischen dem Führungsanspruch Georges und dem auf sein Selbstbestimmungsrecht pochenden Alexander von Bernus gefährdeten unausgesetzt die Harmonie dieses scheinbar zeitenthobenen Lebens im Zeichen von Kunst, Muße und Mystik.

In der Marbacher Reihe SPUREN, die mit diesem Heft in gestalterisch aufgefrischter Form erscheint, zeichnet der Aachner Germanist und George-Kenner Jürgen Egyptien die einzigartige Atmosphäre der Sommermonate auf Stift Neuburg nach und illustriert die geistige Geselligkeit des Kreises mit Briefen, Dichtungen und Bildern. Die von Karl Thylmann während der Treffen angefertigten Zeichnungen von George und Wolfskehl etwa werden hier erstmals publiziert.

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Spuren 81 | Georg Patzer: »... hier noch unbekannt ...«. Rainer Maria Gerhardt in Karlsruhe

Der Dichter, Übersetzer, Grafiker und Verleger Rainer Maria Gerhardt war erst 27 Jahre alt, als er sich 1954 in Karlsruhe das Leben nahm. Er war ein Avantgardist; vor allem aber war er ein Entdecker: In Freiburg begonnen, unterhielt er in Karlsruhe seine Zeitschrift ›fragmente‹ und einen gleichnamigen Verlag weiter. Hier veröffentlichte er – teilweise zum ersten Mal in Deutschland – Texte von Ezra Pound, Henry Miller, Robert Creeley, Antonin Artaud, Charles Olson und William Carlos Williams, die er mit seiner Frau Renate zusammen übersetzt hatte. Mit seinen Aktivitäten gab Gerhardt entscheidende Anstöße für einen Wiederanschluss der deutschen Literatur an die weltliterarische Moderne nach dem Krieg, die später insbesondere von Enzensberger und Höllerer weitergeführt wurden.

An der Karlsruher Kunstakademie experimentierte Gerhardt mit Klecksografien und Holzschnitten. Auch seine ersten Bücher gestaltete er selbst. Mit seinen eigenen Gedichten gab Gerhardt Impulse für die Entwicklung einer experimentellen Lyrik in Deutschland. Er widmete sein Leben der Literatur, scheiterte aber wiederholt am Misstrauen und der Kritik von Kollegen in Deutschland sowie an Geldmangel und der fehlenden Resonanz in der Öffentlichkeit.

Der Literaturwissenschaftler und Journalist Georg Patzer zeichnet Gerhardts fast vergessene Aktivitäten in Karlsruhe nach und illustriert die Nachkriegswelt des Dichters mit bislang unveröffentlichten Fotos und Dokumenten.

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Die literarischen Orte im deutschen Südwesten

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