Literaturland Baden-Württemberg

Literaturland Baden-WürttembergLiteraturland Baden-Württemberg

Öhningen-Wangen

Jacob Picard Gedenkstätte

Seit September 2007 erinnert eine Gedenkstätte im alten Rathaus von Wangen an den jüdischen Dichter Jacob Picard (*1883 in Wangen), der mit seinem Werk zum Chronisten der deutschen Landjudentums wurde.

Nach der Vertreibung der Juden aus den Städten des Mittelalters wurde das Landjudentum auf Jahrhunderte zur vorrangigen Existenzweise der jüdischen Bevölkerung. Es war in ganz Süddeutschland anzutreffen - vor allem im deut­schen Südwesten, wo die Juden einem wechselhaften Schicksal zwischen Tole­rierung und Vertreibung ausgesetzt blieben. Auch an Bodensee und Hochrhein gab es sogenannte Judendörfer, in denen ein heimattreues, halbbäuerliches und selbstbewusstes Judentum lebte. Wangen am Bodensee, in dem die jüdische Gemeinde 1865 mit 233 Mitgliedern ihren zahlenmäßigen Höhepunkt erlebte, war eines von ihnen. Obwohl sich das Zusammenleben mit der christli­chen Mehrheit aus­kömm­lich gestaltete, zogen in den kommenden Jahrzehnten immer mehr Juden in die Städte, um bessere Bildungs- und Berufschancen wahrzunehmen. Dieses Ausbluten der „Judendörfer“ ließ das Landjudentum zum Verlierer werden, und selbst unter Stadtjuden wurde es vielfach mit Unbil­dung, Armut und Mangel an Assimilation gleichgesetzt.

Wie unrecht man dem Landjudentum damit tut, macht das Werk Jacob Picards deutlich. Seine Novellen zeigen uns die Juden seines Dorfes als ein auf­rechtes Volk, das am Glauben der Väter hängt, selbstbewusst ist und das Ghetto nicht kennt. Die Bedeutung des Landjudentums reicht deshalb über seine margi­nale Stellung weit hinaus. Denn anders als der Ghettojude war der Landjude frei, und im Gegensatz zu den meist auf ihre Verleugnung bedachten Stadtjuden hätte es für ihn gar keinen Sinn gehabt, „sich zu verbergen und den anderen vorzutäu­schen, man sei ganz einer der ihren; denn jeder kannte den anderen zu genau als seinen nächsten Nachbarn. Der Getaufte vollends in einem Dorfe wäre eine un­mögliche, ja verächtliche Erscheinung bei beiden Bevölkerungsteilen gewesen“.

Dies erkannt und in einem gültigen literarischen Werk gestaltet zu haben, be­gründet den Rang Picards - und mehr noch seine besondere Stellung innerhalb der deutschen und der jüdischen Literatur. (Detaillierte Informationen zur Biographie Jacob Picards finden sich auf der Homepage des literarischen Vereins FORUM ALLMENDE, der Träger der Picard-Gedenkstätte ist, unter www.forum-allmende.net -> Projekte/Arbeitsgruppen -> Jacob-Picard-Freundeskreis)

Die Gedenkstätte im Wangener Rathaus skizziert die Geschichte der christlich-jüdischen Landgemeinde Wangen. Am Beispiel des Dorfarztes Nathan Wolf, des Dichters Jacob Picard und des schon früh nach Israel emigrierten Geologieprofessors Leo Picard illustriert eine Vitrine die Möglichkeiten und Verluste jüdischer Existenz im 20. Jahrhundert. Gelegenheit zur Vertiefung bieten Hintergrundtexte und Aufsätze zur Geschichte des Dorfes, die in einer kleinen Freihandbibliothek aufgestellt sind.

Herzstück der Ausstellung ist eine Hörstation, in der literarische Texte von Jacob Picard ebenso zu Gehör gebracht werden wie die Erinnerungen von Dr. Hannelore König an ihre Kindheit in Wangen zur Zeit des Nationalsozialismus. Hannelore König ist die Tochter Nathan Wolfs, der als der „letzte Jude von Wangen“, seit Dezember 1970 auf dem jüdischen Friedhof oberhalb des Dorfes ruht.



Ansichten: